Bericht der 64. Volkstanzwoche

Ich bin dann mal weg – beim Tanzen

Eine Volkstanzwoche in Bad Schussenried – das klingt doch schön! Gedacht, getan. Zwei von 150 Glücklichen, die einen Platz ergattert hatten. Der kleine, aber entscheidende Unterschied zu den übrigen 148 Teilnehmenden: Wir hatten so gut wie keine Erfahrung im Volkstanz. Wir wollten einfach gern tanzen und waren im Internet auf die Volkstanzwoche gestoßen. Dass überwiegend sehr Tanz-erfahrene Menschen teilnehmen würden, war uns nicht klar. Hätten wir das gewusst, dann hätten wir uns vermutlich nicht angemeldet – und damit eine großartige Woche verpasst.

Acht Schritte in Tanzrichtung, acht zurück, Dos-à-dos, mit Wechselschritt vier Schritte rein, drehen, Kette – und von vorne. Was für die meisten Tänzer:innen völlig logisch klang, erzeugte bei uns zunächst vor allem Fragezeichen, Kopfschmerzen und Frust. Nach dem ersten Tag dachten wir ernsthaft über eine vorzeitige Abreise nach.

Zum Glück gab es jedoch viele sehr freundliche und hilfsbereite Menschen, die schnell bemerkten, dass wir Unterstützung brauchten, und sich uns ganz selbstverständlich annahmen. So verwandelte sich der Frust nach und nach in – meist – sehr viel Spaß. Als Frau war es dabei etwas leichter: Gib mir einen Mann, der gut führen kann, und ich folge ihm. Beim Zwiefachen allerdings half auch die beste Führung nicht, die Schritte richtig zu treffen. Und bei Klatscheinlagen war es oft reiner Zufall, ob man tatsächlich die Hand des Gegenübers erwischte. Aber gerade diese Fehler waren sehr lustig – besonders, wenn man nicht die Einzige war, der sie passierten.

Neben dem Tanz bot die Woche ein beeindruckend vielfältiges Programm: Orchester, Theater, Origami, Stickerei, Kultur, Spiele – und natürlich immer wieder Tanz. Wer nach dem offiziellen Programm, das morgens um 9 Uhr begann und abends gegen 23 Uhr endete, noch nicht genug hatte, konnte anschließend weiter tanzen, und zwar nicht nur die zahlreichen jungen Leute sondern auch die ältere Generation. Diese „Spätschicht“ haben wir allerdings nie erlebt, weil wir regelmäßig völlig erschöpft ins Bett fielen. Geübte Volkstänzer:innen scheinen über ein besonderes Tanz-Durchhalte-Gen zu verfügen, das wir uns erst noch aneignen müssen.

Nicht zu vergessen ist die außergewöhnlich gute Verpflegung: Sowohl mittags und abends warme Speisen – mit Fleisch, vegetarisch und vegan – sowie ein großes, wunderbares Salatbuffet mit Feldsalat so viel man wollte.

Die derzeitigen Probleme – Kriege, Klimakrise, Rechtsruck – liegen uns schwer auf der Seele. Da war es ungewohnt, tagelang kaum darüber zu reden und nachzudenken. Die Tage in Bad Schussenried waren fast wie eine kleine Wohlfühl-Parallelwelt, abgeschirmt vom „Draußen“, eingebettet in eine Gemeinschaft begeisterter Musiker:innen und Tänzer:innen. Politik und Weltlage waren bei uns kaum Gesprächsthema. Und das tat richtig gut.

Eine ganze Woche Auszeit. Inmitten einer Gruppe von Menschen, die sich oft seit Jahrzehnten kennen. Einfach akzeptiert werden, so wie man ist – ohne viele Fragen, einfach dabei sein dürfen. Dass das möglich war, dafür empfinden wir große Dankbarkeit.

Maiken Winter und Karl Mehl aus Überlingen